Bauindustrie kritisiert Vergabepolitik

Mittwoch, 04 Oktober 2017

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    Vergabepolitik

Vertreter der Branche bemängeln eine "Niedrigpreisvergabe" zu Lasten der Qualität. Zudem werde das Wissen der Unternehmen nicht genutzt.

Coburg - 2017


Bauindustrie fordert Umdenken der Politik - Von Thomas Heuchling

Mangelnde Qualität und Wucherpreise lautet ein Vorwurf an die Bauindustrie. Sie kritisiert hingegen die öffentliche Hand für fehlende Kompetenz und Sparen an falscher Stelle.
Der Bau boomt. Und die Unternehmen verdienen sich eine goldene Nase. So die landläufige Meinung. Darüber ärgert sich Max Beyersdorf. Der Coburger Stadtrat ist Geschäftsführer des Bauunternehmens Otto Hauch. Durch seine berufliche und politische Arbeit beobachtet er eine problematische Entwicklung:

„Es gibt eine permanente Kritik durch Kommunen und Medien, dass sich die Bauindustrie dumm und dämlich verdient.“

Er wolle diese Worthülsen widerlegen und zu einem konstruktiven Austausch zwischen Bauherren und Bauwirtschaft zurückzukommen. Eine besondere Rolle als einem der größten Auftraggeber kommt hier der öffentlichen Hand zu. Deshalb hat Beyersdorf gemeinsam dem Bayerischen Bauindustrieverband und Andreas Rubenbauer, Geschäftsführer des Tiefbauunternehmen Karl Krumpholz Rohrbau, zu einem Pressegespräch eingeladen.
Da die öffentliche Hand, also Kommunen, Freistaat oder Bund, eine Art Monopol im Bau habe, bestimme sie zum Großteil Kultur und Qualität der Branche. Wenn der öffentliche Auftraggeber das wirtschaftlichste Angebote nehme, heiße dies in 90 Prozent der Fälle, dass die Kommune das billigste nehme.

Dadurch gebe es mehrere Entwicklungen, die sich negativ auf die Branche auswirken, schildert Beyersdorf das Grundproblem und erläutert: Einerseits werden die Unternehmer durch den Billig-Druck teilweise zu unseriösen Kalkulationen gezwungen. Andererseits hätten sich viele kompetente Firmen von öffentlichen Aufträgen abgewandt. „Es entsteht eine Art Subkultur, in der es darum geht Löhne zu drücken, rechtliche Vorgaben zu umgehen und anderweitig unseriös Kosten zu sparen“, resümiert Beyersdorf und fügt an: „Dadurch bricht die Bauqualität brutal ein. Das Image der Bauindustrienimmt Schaden.“ Er appelliert bei der öffentlichen Vergabe weg vom Prinzip billig, hin zu einem Ideenwettbewerb zu gehen.

Andreas Rubenbauer kennt die Misere aus der Perspektive eines Tiefbauers. Er sieht die Ursachen aktueller Probleme in den Entwicklungen der Branche seit der Deutschen Wiedervereinigung. Bis Mitte der 1990er Jahre sei eine „Blase aufgebaut“ worden. Durch zahlreiche Baumaßnahmen sei eine Personalkapazität von 1,7 Millionen Mitarbeitern in der Branche aufgebaut worden. Bis zum Ende der Nullerjahre habe man durch eine Rezession rund eine Million Stellen abbauen müssen und diese unwiederbringbar an andere Industriebereiche verloren. „Die alte Personalkapazität kann von der Baubranche nicht mehr zurückgewonnen werden“, betont Rubenbauer.
Sein Unternehmen mit Sitz in Kronach hat rund 200 Mitarbeiter. Aktuell könne er Aufträge für deutlich mehr Personal generieren, aber es gebe einfach keines. Zudem würden Auftraggeber durch unrealistische Vorgaben ein „schön rechnen“ bei den Ingenieursbüros zu fördern.

Martin Schneider hat als Geschäftsstellenleiter des Bauindustrieverbandes Nord und Ostbayern den überregionalen Überblick. Er teilt die Einschätzung Rubenbauers: „Aktuell trifft eine hohe Marktentwicklung auf eine Branche mit begrenzten Kapazitäten.“ Deshalb ärgert er sich über den Vorwurf, dass die Bauwirtschaft einfach nicht wolle. Schneider bemängelt oft „fehlende Kompetenz“ der öffentlichen Auftraggeber. „Wer vernünftige Angebote ausschreibt, der bekommt auch vernünftige Leistungen“, betont er.

Dem pflichtet Dr. Josef Wallner, Pressesprecher des Branchenverbandes, bei. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und kritisiert „fehlendes wirtschaftliches Denken bei öffentlichen Bauherren“. Oft werde nur auf die Baukosten, die nur 20 Prozent eines Projektes ausmachen, geschaut und die 80 Prozent Folgekosten vernachlässige man. Und dann nehme man nur das billigste Angebot. Als Ursache sieht er das veraltete System der Kameralistik, dadurch sei man nicht gezwungen zu investieren. „Viele Kämmerer denken aus fester Überzeugung: Je billiger ein Bauvorhaben, desto besser“, schildert Wallner seine Erfahrung und fügt an: „Wir müssen versuchen ein Umdenken zu bewirken“. Er nennt Österreich mit dem Bestbieterprinzip als Vorbild für eine konstruktive Vergabekultur zwischen öffentlicher Hand und Bauwirtschaft.

Und was bedeutet das ganze Dilemma für Coburg? Wer Kostensteigerungen bei hiesigen Bauprojekten moniere, der sollte den Prozess hinterfragen, kritisiert Max Beyersdorf die jüngste Aussage von Oberbürgermeister Norbert Tessmer. Dieser sagte, dass er keine Baumaßnahme kenne, die nicht von Kostensteigerungen geplagt sei. „In der Politik gibt es oft ein Wunschkonzert, das aber keiner bezahlen will“, sagt Beyersdorf.
Bei öffentlichen Aufträgen gebe es durchaus Möglichkeiten die Kompetenz von Bauunternehmen in allen Phasen zu nutzen, ohne dabei gegen Gesetze zu verstoßen. Dies sollte man nutzen, so der Stadtrat. Als „genialen Wurf“ in dieser Hinsicht nennt Beyersdorf die HUK-Arena.

Dass es im Bauwesen in den vergangenen Jahren teilweise enorme Preissteigerungen gegeben habe, verneint keiner der Experten. Für Beyersdorf ist der Urheber klar: „Wenn der Gesetzgeber wieder wütet.“ Neue Energieeinsparverordnungen, gestiegene Anforderungen an den Brandschutz und der Kostentreiber Entsorgung seien Schuld. Verbandsrepräsentant Schneider nennt auch höhere Löhne als Faktor. Hier müsse man die letzte Rezession im Hinterkopf haben, in der die Baupreise lange stagnierten. „Die Baufirmen verdienen anständig, aber nicht unanständig viel Geld“, sagt er.

„Das allgemeine Jammern und Wehklagen sollte in einem Hinterfragen münden“, formuliert Unternehmer Max Beyersdorf seinen Wunsch an die Politik und fügt an: „Wir sind doch Partner.“

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